
Es gibt Gespräche, die ruhig verlaufen. Und es gibt solche, bei denen jede Frage eine neue Auseinandersetzung über die Grundlagen der Zivilisation auslöst. Dieses Gespräch gehört eindeutig zur zweiten Kategorie.
Zu Gast im Interview war Janusz Korwin-Mikke – ein Politiker, der für seine scharfen, kompromisslosen und oft kontroversen Ansichten bekannt ist. Im Laufe des Gesprächs wurden Fragen zum Verhältnis zwischen Staat und Kirche, zur traditionellen Messe, zur Meinungsfreiheit, zur Todesstrafe, zur Ehe, zur Rolle der Tradition, zur Logik, zu Denkspielen sowie zu den Grenzen staatlicher Eingriffe in das Leben der Bürger gestellt.
Es war kein reines Höflichkeitsgespräch. Es war der Versuch, tiefer einzudringen: in die Weltanschauung, die Prinzipien und die Denkweise eines Menschen, der seit Jahrzehnten provoziert, inspiriert, irritiert und zum Reagieren zwingt.
Eines der ersten Themen war das Verhältnis zwischen Kirche und Politik. Die Frage bezog sich auf einen scheinbaren Widerspruch: Wenn Politik immer aus einer bestimmten Weltanschauung hervorgeht und die Kirche diese Weltanschauung mitgestaltet, kann man dann überhaupt davon sprechen, dass sich die Kirche nicht in die Politik einmischt?
Korwin-Mikke hat hier zwei Dinge voneinander getrennt. Einerseits räumte er ein, dass jede Äußerung der Kirche politische Konsequenzen haben kann, da Politik im modernen Staat fast alle Bereiche umfasst. Andererseits betonte er jedoch, dass das Problem seiner Meinung nach dann beginnt, wenn formelle institutionelle Verbindungen zwischen Kirche und Staat entstehen.
Dem Gesprächspartner zufolge sollte die Kirche eine vom Staat unabhängige Institution sein – und umgekehrt. Es geht dabei weniger darum, Geistlichen das Wort zu verbieten, als vielmehr darum, eine Situation zu vermeiden, in der der Staat beginnt, Einfluss auf die Kirche zu nehmen, und die Kirche wiederum auf administrative Entscheidungen.
Korwin-Mikke wies darauf hin, dass die größten Spannungen keineswegs auf zentraler Ebene auftreten müssen. Seiner Meinung nach können viel stärkere Verbindungen auf lokaler Ebene entstehen – in Kommunalverwaltungen, Landkreisen und Gemeinden, wo die Autorität der Geistlichen besonders groß sein kann.
Die wichtigste These:
Kirche und Staat sollten sich voneinander fernhalten, denn die Nähe zur Macht demoralisiert beide Seiten.
Im Gespräch wurde auch ein Beispiel für eine Situation angesprochen, in der ein Geistlicher öffentlich das Programm einer politischen Partei kommentiert. Ist das bereits eine Einmischung der Kirche in die Politik?
Korwin-Mikke räumte ein, dass Geistliche – als Bürger – ein Recht auf Meinungsäußerung haben. Gleichzeitig wies er darauf hin, dass eine Äußerung, die „in der Soutane“ getätigt wird, möglicherweise nicht als private Meinung, sondern als Standpunkt der Institution wahrgenommen werden könnte.
Der Gesprächspartner forderte kein völliges Schweigen der Geistlichen. Er wies jedoch darauf hin, dass ein solches Engagement den Staat später zu Vergeltungsmaßnahmen oder zu Versuchen, das Leben der Kirche zu regulieren, provozieren könnte.
An dieser Stelle kam einer der zentralen Gedanken des Gesprächs zur Sprache: Wenn die Kirche beginnt, sich in die Politik des Staates einzumischen, könnte der Staat beginnen, sich in die Angelegenheiten der Kirche einzumischen.
Ein weiteres Thema betraf die Tridentinische Messe und die Sympathie bestimmter Kreise der Rechten für den traditionellen katholischen Ritus.
Korwin-Mikke sprach sich für die Tradition aus. Sein Argument beschränkte sich nicht nur auf die lateinische Sprache. Wichtiger war ihm die Überzeugung, dass Institutionen dank der Beständigkeit von Formen, Ritualen und Regeln Bestand haben.
Im Gespräch fiel eine treffende Metapher: Ein Mensch, der durch den Wald geht, kommt schneller voran, wenn die Bäume stillstehen. Würde sich alles um ihn herum in Bewegung setzen, wäre das Vorankommen wesentlich schwieriger.
Ähnlich funktioniert – nach Ansicht von Korwin-Mikke – auch die Gesellschaft. Fortschritt ist nur möglich, wenn bestimmte Grundprinzipien stabil bleiben. Ohne sie müssen die Menschen immer wieder von Neuem Dinge festlegen, die zuvor bereits geklärt waren.
Der Gesprächspartner verteidigte zudem die Bedeutung des Lateinischen als Sprache der Kultur, des Rechts, der Medizin und der Kirche. Er behauptete nicht, dass jeder diese Sprache lernen müsse, sondern argumentierte, dass die Kenntnis lateinischer Begriffe und Redewendungen das Verständnis vieler Bereiche der europäischen Zivilisation erleichtere.
Die wichtigste These:
Tradition ist kein Hindernis für den Fortschritt. Sie kann vielmehr das Fundament sein, das es der Gesellschaft ermöglicht, schneller voranzukommen.
Einer der umstrittensten Punkte des Gesprächs war das Thema Ehe. Korwin-Mikke vertrat die Ansicht, dass sich der Staat überhaupt nicht mit der Durchführung von standesamtlichen Trauungen befassen sollte.
Seiner Meinung nach sollte die Ehe in erster Linie eine Angelegenheit religiöser Gemeinschaften, privater Vereinbarungen und Traditionen sein und keine zentral regulierte staatliche Institution.
Im Zusammenhang mit gleichgeschlechtlichen Partnerschaften betonte der Gesprächspartner, dass sich sein Einwand in erster Linie gegen die Festlegung einer bestimmten Bedeutung des Begriffs „Ehe“ richte .
Seiner Ansicht nach können Menschen privat beliebige Verträge abschließen und ihr Leben so gestalten, wie sie es möchten. Das Problem beginnt dann, wenn der Staat eine bestimmte Sprache vorschreibt und alle dazu verpflichtet, eine bestimmte Definition anzuerkennen.
Dieser Ansatz verdeutlicht gut sein allgemeines Denkmodell: so wenig Staat wie möglich, so viele private Entscheidungen und so viel Eigenverantwortung wie möglich.
Das Thema Meinungsfreiheit durfte in diesem Gespräch natürlich nicht fehlen. Korwin-Mikke betonte, dass die Meinungsfreiheit zwar Teil der allgemeinen Menschenrechte sei, aber für sich genommen weder das einzige noch das höchste Element der Freiheit darstelle.
Seiner Meinung nach sollte jeder das Recht haben, seine Ansichten zu äußern, selbst wenn diese sehr scharf und unpopulär sind. Gleichzeitig betonte er, dass man für seine Äußerungen zivilrechtlich haftbar gemacht werden kann, wenn sie jemandem konkreten Schaden zufügen.
Der Gesprächspartner unterschied zwischen einer Meinung und einer Tatsachenbehauptung. Es ist eine Sache zu sagen: „Ich glaube, dass jemand Unrecht hat“, und eine ganz andere, öffentlich etwas zu behaupten, das als falsch und schädlich angesehen werden kann.
Seiner Ansicht nach bedeutet Meinungsfreiheit das Recht, kontroverse Dinge zu sagen, aber sie bedeutet nicht automatisch, dass man von den Konsequenzen verschont bleibt.
Der komplexeste Teil betraf die Beeinflussung von Kindern und Personen, die – nach Ansicht des Gesprächspartners – eher auf emotionale als auf rationale Botschaften ansprechen. Korwin-Mikke unterschied zwischen der offenen Verkündung von Ansichten und subtiler Propaganda, die auf das Unterbewusstsein einwirkt.
Seiner Ansicht nach sollten der Staat und die Gerichte insbesondere dann eingreifen, wenn es sich bei der Botschaft nicht um eine offene Debatte handelt, sondern um den Versuch, Einstellungen zu beeinflussen, ohne dass der Empfänger dies bewusst reflektiert.
Ein interessanter und weniger politischer Aspekt des Gesprächs waren Schach, Dame, Bridge und andere Denkspiele.
Korwin-Mikke erklärte, dass er solche Spiele als intensives Gehirntraining betrachte. Er verglich sie mit Sport: Man spiele nicht Fußball, nur um später auf der Straße herumzulaufen, sondern dank des Trainings funktioniere der Körper in alltäglichen Situationen besser.
Der Gesprächspartner wies darauf hin, dass Spiele wie Schach oder Dame bestimmte Regeln, eine begrenzte Anzahl von Zügen und ein klar definiertes Ziel haben. Dadurch ermöglichen sie das Training präzisen, logischen Denkens.
Seiner Meinung nach kann das regelmäßige Lösen von Schach- oder Damespielaufgaben dazu beitragen, die geistige Fitness auch im hohen Alter zu erhalten.
Die wichtigste These:
Denkspiele sind für den Geist das, was körperliches Training für den Körper ist – sie trainieren Fähigkeiten, die wir später im Leben nutzen.
Einer der eindringlichsten Momente des Gesprächs war die Diskussion über die Todesstrafe. Korwin-Mikke argumentierte, dass er sie nicht nur als Abschreckungsmittel betrachte, sondern als Fundament der staatlichen Autorität.
Seiner Meinung nach verliert ein Staat, der für schwerste Verbrechen nicht die höchste Strafe verhängen kann, einen Teil seiner Autorität. In dem Gespräch wurde das Argument vorgebracht, dass der Staat, wenn ein zu lebenslanger Haft verurteilter Straftäter einen weiteren Mord begeht, realistisch gesehen keine strengere Strafe mehr verhängen kann.
Korwin-Mikke argumentierte, dass die Todesstrafe nicht nur praktische, sondern auch symbolische Bedeutung habe. Sie solle zeigen, dass es eine letzte Grenze gibt, deren Überschreitung eine endgültige Reaktion des Staates nach sich zieht.
Das ist natürlich eine der umstrittensten Thesen des Gesprächs. Für die Gegner der Todesstrafe stehen andere Werte im Vordergrund: die Möglichkeit eines Justizirrtums, humanitäre Gründe sowie die Überzeugung, dass der Staat kein Leben nehmen sollte. In diesem Gespräch vertrat Korwin-Mikke jedoch konsequent die gegenteilige Position.
Gegen Ende des Gesprächs kam ein weitergehendes Thema zur Sprache: Woher wissen wir, welche Regeln gut sind?
Korwin-Mikke berief sich auf das evolutionäre Denken. Seiner Ansicht nach ist es nicht so, dass wir zunächst rational ideale Regeln festlegen und diese dann der Welt aufzwingen. Vielmehr beobachten wir, welche Regeln sich im Laufe der Zeit bewährt haben.
Als Beispiel führte er das Gebot „Du sollst nicht stehlen“ an. Seiner Ansicht nach zeigt die Tatsache, dass die meisten Zivilisationen ein Diebstahlverbot entwickelt haben, dass es sich um eine funktionale und gesellschaftlich notwendige Regel handelt.
Das ist ein sehr charakteristisches Merkmal konservativen Denkens: Wenn etwas schon seit Hunderten oder Tausenden von Jahren besteht, sollte man es nicht leichtfertig verwerfen.
Das bedeutet nicht, dass man Veränderungen grundsätzlich ablehnt. Es bedeutet vielmehr die Überzeugung, dass Veränderungen mit Bedacht erfolgen sollten, da die menschliche Gesellschaft zu komplex ist, um sie allein auf der Grundlage aktueller ideologischer Moden umzugestalten.
Gegen Ende des Gesprächs kam das Thema Latein wieder zur Sprache. Korwin-Mikke erklärte, er habe Latein unter anderem deshalb gelernt, weil es ihm später beim Erlernen romanischer Sprachen wie Französisch, Italienisch, Spanisch oder Portugiesisch geholfen habe.
Er erwähnte auch die Idee, ein Lehrbuch für eine besondere Art von Latein zu erstellen – basierend auf Redewendungen aus den Bereichen Medizin, Recht, Kirche, Sprichwörtern und klassischen Zitaten.
In diesem Sinne ist Latein nicht nur eine tote Sprache. Es ist vielmehr ein Schlüssel zu vielen Facetten der europäischen Kultur. Es ermöglicht das Verständnis von Recht, Geschichte, Religion, Medizin und Literatur.
Korwin-Mikke hat nicht behauptet, dass jeder Mensch Latein beherrschen müsse. Er betonte jedoch, dass diese Kenntnisse für Menschen, die sich mit Kultur, Recht, Medizin oder Theologie beschäftigen, äußerst nützlich sein können.
Dieses Interview zeigt Janusz Korwin-Mikke in seiner typischen Art: als kompromisslosen, scharfen, oft provokativen Gesprächspartner, der sich jedoch konsequent an einige Grundprinzipien hält.
Unter ihnen sind vor allem folgende wieder dabei:
die Freiheit des Einzelnen,
die Einschränkung der Rolle des Staates,
Misstrauen gegenüber der Demokratie und modernen Ideologien,
Traditionsbewusstsein,
der Glaube an Logik und die Hierarchie von Regeln,
die Überzeugung, dass die Zivilisation stabile Fundamente benötigt.
Man muss nicht mit allen Thesen einverstanden sein. Viele davon können Widerspruch, Emotionen oder den Drang zur Kontroverse hervorrufen. Aber eines lässt sich diesem Gespräch kaum absprechen: Es ist weder lauwarm noch langweilig oder vorhersehbar.
Denn Gespräche mit umstrittenen Persönlichkeiten sind nur dann sinnvoll, wenn sie nicht nur der Selbstdarstellung dienen, sondern eine echte Überprüfung der Argumente darstellen.
Hier drehten sich die Fragen um grundlegende Themen:
Wer sollte über die Ehe entscheiden?
Hat der Staat das Recht, die Sprache zu regeln?
Ist Tradition ein Hemmnis oder eine Grundlage für Entwicklung?
Wo endet die Meinungsfreiheit?
Sollte die Kirche Einfluss auf die Politik nehmen?
Ist die Todesstrafe ein Instrument der Gerechtigkeit oder eine Grenzüberschreitung?
Das sind Fragen, die nicht so schnell an Aktualität verlieren. Und genau deshalb kann ein solches Gespräch auch für diejenigen interessant sein, die mit dem Gesprächspartner überhaupt nicht einer Meinung sind.
Auf den ersten Blick handelte es sich um ein Gespräch über Politik, Religion und kontroverse Forderungen. Tatsächlich ging es jedoch vor allem um Grundsätze.
Korwin-Mikke kam in fast jedem Diskussionsstrang auf folgende Frage zurück:
Kann eine Gesellschaft ohne feste Regeln überhaupt existieren?
Seine Antwort lautet: Nein. Seiner Meinung nach entstehen dort, wo Tradition, Autorität, Logik und die Verantwortung des Einzelnen verschwinden, schnell Chaos, ein übermäßiger Staatsapparat und ideologischer Druck.
Man kann dem zustimmen oder auch nicht. Man kann jedes Beispiel anzweifeln. Aber eines ist sicher: Dieses Gespräch regt zum Nachdenken an – und in Zeiten vorgefertigter Meinungen ist das schon sehr viel. 💬